Glaube und Unglück
Glaube und Prüfung: Eine Wahrheit vom Auge zum Herzen
Die Stärkung des Glaubens ist keine Tugend, sondern eine persönliche Verpflichtung. Diese Verpflichtung wird nicht nur durch theoretisches Wissen erfüllt, sondern durch erlebte Ereignisse, Prüfungen und Schwierigkeiten. Der Glaube ist die Widerstandskraft der Seele; und diese Widerstandskraft wächst, reift und wird stark durch die Prüfungen des Lebens.
So wie ein Muskel durch Belastung stärker wird, gewinnt auch die geistige Struktur des Menschen durch Schwierigkeiten an Kraft. Prüfungen sind daher nicht nur Momente, in denen Geduld erforderlich ist, sondern zugleich besondere Gelegenheiten, in denen sich die Seele entwickelt und das Herz sich stärker Gott zuwendet. Alles, was einem Menschen widerfährt, ist eine Möglichkeit, ihn Gott näherzubringen. Deshalb sollten Prüfungen nicht nur als sichtbare Schwierigkeiten, sondern auch als Mittel innerer Erziehung betrachtet werden.
Glaube und Prüfung geschehen im Herzen; doch die Reifung dieses Herzens wird erst durch erschütternde Lebenserfahrungen möglich. In diesem Prozess werden Geduld, Vertrauen, Zufriedenheit und Hingabe von der Theorie zur gelebten Praxis. Dadurch vertieft der Mensch seine Bindung zu seinem Herrn und löst sich innerlich von der Welt. Dies führt sowohl zu innerem Frieden im Diesseits als auch zu hohen Stufen im Jenseits.

Die Weisheit der Prüfungen und die Geduldsprobe
In der modernen Welt ist das Vermeiden von Schmerz und das Streben nach Komfort zu einem Lebensstil geworden. Werbung, soziale Medien und Popkultur fördern ständige Lustbefriedigung und unmittelbares Glück. Dadurch werden Menschen zunehmend intolerant gegenüber Schwierigkeiten. Der Islam hingegen bietet eine andere Perspektive auf das vergängliche Leben: Prüfungen – insbesondere Krankheiten – werden als Chance zur geistigen Entwicklung gesehen.
Solche Prüfungen lösen den Menschen aus seiner Abhängigkeit von weltlichen Genüssen und richten ihn auf das Jenseits und auf Gott aus. Krankheit und Leid lassen den Menschen seine eigene Schwäche erkennen und führen ihn zu seinem Schöpfer zurück. Diese Erkenntnis wird zu einem dauerhaften Bewusstsein der Dienerschaft.
Wie im Koran beschrieben wird (Sure Yūnus 10:22): Wenn Menschen in Not geraten, wenden sie sich aufrichtig an ihren Herrn. Genau in diesen Momenten leuchtet der Glaube auf, und Geduld sowie Vertrauen werden lebendig. Hohe spirituelle Stufen wie Geduld und Dankbarkeit entstehen nur im Angesicht von Schwierigkeiten.
Prüfungen sind daher keine Strafe, sondern eine andere Erscheinungsform göttlicher Barmherzigkeit und eine Gelegenheit zum inneren Aufstieg. Entscheidend ist, sich in diesen Momenten mit Hingabe Gott zuzuwenden.
Der Gesandte Gottes und Abdullah ibn Umm Maktum
Blindheit ist nicht nur eine körperliche Einschränkung, sondern kann eine mächtige spirituelle Prüfung sein. Bediüzzaman Said Nursî weist darauf hin, dass gläubige Blinde durch Geduld und Zufriedenheit eine tiefere Einsicht in die Wahrheit erlangen können.
Ein herausragendes Beispiel ist der Gefährte des Propheten, Abdullah ibn Umm Maktum. Obwohl er von Geburt an blind war, besaß er eine außergewöhnliche geistige Wahrnehmung.
Als der Muhammad führende Persönlichkeiten von Quraisch unterrichtete, bat Ibn Umm Maktum ihn wiederholt um Lehre. Der Prophet wandte sich kurz ab, woraufhin die Sure Abasa offenbart wurde und ihn ermahnte. Diese Offenbarung zeigte: Ein suchendes Herz ist wichtiger als gesellschaftlicher Status.
Der Prophet ehrte ihn später mit großer Zuneigung, setzte ihn als Muezzin ein und ließ ihn zeitweise als Stellvertreter in Medina zurück. Dieses Beispiel zeigt: Wahres Sehen geschieht nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.
Geduld, Verlust und Paradies
In einem Hadith heißt es sinngemäß:
„Wenn Ich meinem Diener seine beiden geliebten Augen nehme und er geduldig bleibt, gebe Ich ihm als Lohn das Paradies.“
Dies verdeutlicht die Größe der Belohnung für geduldiges Ertragen von Prüfungen. Verlust kann – wenn er mit Geduld getragen wird – zu ewiger Glückseligkeit führen.
Geistige Blindheit im Koran
Der Koran warnt vor einer Blindheit des Herzens: Wer sich von Gottes Gedenken abwendet, wird im Jenseits blind auferweckt (Sure Tāhā 20:124). Wahres Sehen bedeutet, Wahrheit von Irrtum unterscheiden zu können. Körperliche Augen reichen dafür nicht aus; das Herz muss sehen.
Ursachen und göttliche Wirkung
Ein wichtiger Glaubensgrundsatz, den Bediüzzaman Said Nursî betont, lautet: Ursachen haben Bedeutung, aber keine eigenständige Wirkung. Medikamente oder Ärzte sind Mittel – Heilung kommt letztlich nur von Gott. Dieses Verständnis schützt den Glauben und stärkt das Vertrauen.
Der Mensch bemüht sich (das ist eine „praktische Bitte“), doch das Ergebnis liegt bei Gott. Diese Haltung bewahrt vor falscher Abhängigkeit von Ursachen und führt zu vollständiger Hingabe.
Der Blick und das Herz
Der Glaube ist nicht nur ein intellektuelles Bekenntnis, sondern ein im Herzen erfahrbarer Genuss. Einer der größten Gefahren für diese innere Reinheit ist der verbotene Blick. Das Auge ist ein Tor zum Herzen; was durch die Augen eintritt, hinterlässt Spuren.
Ein Hadith beschreibt den verbotenen Blick als „einen vergifteten Pfeil des Satans“. Deshalb ist das Meiden des Verbotenen nicht nur Moral, sondern Schutz des Herzens und des Glaubens – besonders wichtig im digitalen Zeitalter.
Mit dem Herzen sehen
Wahres Sehen geschieht durch Einsicht (Basīra), nicht durch die physischen Augen. Die Geschichte von Ibn Umm Maktum zeigt: Ein Mensch kann ohne Augen die Wahrheit sehen, wenn sein Herz wach ist. Ohne Glauben können selbst sehende Augen die Wirklichkeit verfehlen.
Der Koran sagt:
„Nicht die Augen sind blind, sondern die Herzen in den Brüsten werden blind.“ (Sure al-Haddsch 22:46)
Die wahre Blindheit ist die Blindheit des Herzens.